8. Rede PoE am 02.07. 2017

Im bevorstehenden Wahlkampf halte ich es für notwendig, etwas zu „ Politischem Framing “ zu sagen.

Politisches Denken ist bewusst, rational und objektiv, dieser althergebrachten  Idee sitzen bis heute viele Bürger auf. Doch die moderne Neuro- und Kognitionsforschung hat diese „klassische Vernunft“ zu Grabe getragen.

Wir denken in unserer Sprache und  diese gibt uns einen  kognitiven, selektiven Deutungs- Rahmen vor.

Nicht Fakten bedingen also unsere politische Entscheidungen, sondern kognitive Deutungsrahmen, in der Wissenschaft „Frames“ genannt. Sie werden über Sprache im Gehirn aktiviert und  gefestigt und bestimmen, wie wir z. B. politische  Fakten wahrnehmen. Dabei sind Frames selektive, also von unserem verhaltenssteuernden System umgestalte Informationen. Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor, andere fallen unter den Tisch. Und sind diese erst einmal über Sprache, etwa  in  öffentlichen Debatten, in unseren Köpfen aktiviert, so leiten sie unser Denken an, ohne dass wir es bemerken. Und deshalb ist es höchste Zeit, unsere Naivität gegenüber der Bedeutung von Sprache in der Politik abzulegen.

Politisches Framing –  oder wie man uns die Welt selektiv vorsetzt. Denn seit Barack Obamas Wahlkampf 2008 wird Framing als Geheimrezept für gelungene Kampagnenführung gehandelt.

Menschen entscheiden nicht aufgrund von Faktenlagen, sondern  treffen anhand  sinngebender Frames ihre politischen, sozialen, ökonomischen Entscheidungen, oder wie Elisabeth Mehling schreibt, „wie einer Nation ihr Denken eingeredet und daraus Politik gemacht wird.“

Wenn es zum Beispiel darum geht, Verbraucher vor schädlichen Produkten der Industrie zu schützen, sprechen wir von Verbraucherschutz.  Leistungsträger- Steuerasyl- Flüchtlingswelle.

Oder „shuttle services“, wie ein bayrischer Politiker die Rettung von Menschen durch NGOs-  z. B. Ärzte ohne Grenzen- im Mittelmeer bezeichnete. Es ist unsäglich, Hilfsorganisationen auf diese Weise in der Öffentlichkeit zu denunzieren, die sich bemühen Leben zu retten!

In unseren Diskursen reiht sich ein metaphorisches Sprachbild an das nächste, mit immensen Auswirkungen für unser Begreifen politischer Handlungs- Aufträge.

Den Schutz von Tieren vor Misshandlung durch die Menschen nennen wir Tierschutz, und wir sprechen von Frauenschutzhäusern, wenn Frauen vor Gewalt geschützt werden.                                                           

Das Wort Klimaschutz z. B. besetzt die Rollen dieses Frames folgenmaßen:  

  • Es gibt eine Gefahr.
  • Potenzielles oder tatsächliches Opfer dieser Bedrohung ist das Klima.
  • Der Mensch als Held muss das Klima retten, indem er schützend eingreift.

Dies sind die semantischen (die Bedeutung sprachlicher Zeichen betreffenden) Schlussfolgerungen, die das Wort Klimaschutz in unseren Köpfen aktiviert.

 Innerhalb der durch die  Frames erweckten Rollenverteilung ist auffällig, dass hier die Rolle „Bösewicht oder Gefahr“ unbesetzt bleibt. Und darüber hinaus ist es eine grandiose Fehlbesetzung:

Das Klima ist nicht das schützende potenzielle oder tatsächliche Opfer, dem Klima ist es völlig egal, sondern es ist  die Gefahr. Und das wichtige dabei ist, dass der Mensch im Frame vom Klimaschutz oder – Wandel als eigentlicher Schadens- Verursacher ausgeblendet  wird. Er tritt,  – welche Ironie, -wenn überhaupt, als Retter auf!   Wir lernen daraus, dass wir die Begrifflichkeiten,  welche  uns die Politik vorsetzt,  nicht mehr einfach übernehmen können, sondern hinterfragen müssen.    

Danke!

Helmut Hirte