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Einführung

(. . .) Unweigerlich drückt sich im bildhauerischen Werk die physische Existenz seines Schöpfers aus. Die Grenzen der Gestaltgebung definiert das schöpferische Ich. Das schließt monumentale Formate nicht aus. Steinbildhauerei gilt als traditionelle künstlerische Äußerung. Im 21. Jahrhundert ist ihre Kraft ungebrochen. Das ist es, was Helmut Hirte zum Ausdruck bringen will: „Das Material Stein trägt alles in sich, was den Menschen ausmacht.“ Vom Morgen der Menschwerdung bis zum Untergang. Es geht um „das Jetzt, das Innehalten, das Ich und das Andere“, den „Dialog mit dem Außen und dem Ort“.

Hirte fesseln die (Erkenntnis-)Stufen und Übergänge: „Es ist die Auseinandersetzung mit den Zwischenräumen, die sich in meiner Formensprache offenbart.“ Das unermüdliche Kreisen um Drinnen und Draußen bringt er auf eine Formel, die für das Leben als solches stehen kann und sein abruptes Ende: „Herzrhythmus, Atem und Stille.“ In Kubrick’s Odyssee 2001 sterben die Astronauten in sarkophagartigen Tiefschlafkammern. Ihr Ableben bedeutet vielerlei. Dass den Menschen umbringen kann, was er ehrgeizig erschafft, sowie auch die Gnade des Davonkommens in ausweglosen Situationen. „In jeder Bewegung dieses endlichen Lebens ist schon die Stille des Todes anwesend“, sagt Hirte. Er sucht eine skulpturale Wirklichkeit zu formulieren, die auf sich selbst verweist und einen Rest Ungewissheit lässt. Gegen dieses „Duell mit offenem Ende zwischen Weitergehen und Verharren und somit auch zwischen Leben und Tod“ setzt er die bildhauerische Freiheit der Gestaltung: „Imaginäre Sinnbilder stellen sich der Rationalisierung der Lebensbereiche entgegen.“ Wenn Kunst über den Tag hinausgehen will, muss sie auf Wesentliches hindeuten – auf „das, was Menschsein ausmacht“. Hirtes künstlerisches Ziel ordnet sich dem höheren unter: „Dem Vergessen entgegenzuwirken, ist Bestandteil meiner täglichen Existenz.“

Er meißelt verschiedene Steinarten – Untersberger Marmor mit der charakteristischen rosa Färbung, Sandstein, Diabas, Granit -, artikuliert sich abstrakt geometrisch und archteypisch vereinfacht. Ein universeller Anspruch kennzeichnet sein Oeuvre, das durch raue Oberflächen, Vor- und Rücksprünge, kompakte Formen und formale Komplexität den Tastsinn ebenso herausfordert wie den Intellekt. Nicht nur Materialität und Plastizität bestimmen die Rezeption, sondern immer wieder auch die Leere, der Hohlraum, die Öffnung im Stein, das Nichts. Es geht um das sensationelle Erlebnis des Einfachen: „Ich weiß nicht, was.“ „Die Sehnsucht nach Überraschungen, wie sie Montesquieu beschrieben hatte, war gross, und die Lust an einem Effekt des «je ne sais quoi» führte dazu, dass zum ästhetischen Ideal wurde, was einen Superlativ an Vielfalt mit einem Maximum an Beiläufigkeit verband.

Die Kunst bestand in Techniken des Understatement und Versteckspiels, nicht mehr in der makellosen Demonstration von Regelwerken. Alles war auf den Moment hin ausgerichtet, in dem jemand erkannte, wie subtil und interessant etwas vermeintlich ganz Einfaches doch war (was nicht gleichbedeutend damit sein musste, die Künstlichkeit des Komplexen zu entdecken). Das Staunen über ein plötzlich erfahrenes Mehr an Reiz und Bedeutung sollte so sprachlos machen, dass als Reaktion nur ein «je ne sais quoi» blieb.“ Ein Homo Faber muss kein Walter Faber werden. Im Gespräch mit Schülern erläuterte Max Frisch einmal seinen Charakter: „Dieser Mann lebt an sich vorbei, weil er einem allgemein angebotenen Image nachläuft“ – dem der ‚Technik‘. Im Grunde sei seine Titelfigur jedoch kein Techniker, sondern ein verhinderter Mensch, der von sich selbst ein Bildnis gemacht hat, das ihn daran hindere, „zu sich selber zu kommen“. Helmut Hirte macht Bildnisse für Menschen, die zu sich gekommen oder auf dem Weg sind.

Dorothee Baer-Bogenschütz