Kunstraum Helmut Hirte, Bildhauer
 
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Texte
Die hier eingestellten Passagen sind stark gekürzte Auszüge aus den Texten zu Helmut Hirtes Arbeiten.

Metamorphose und Kontinuität
Über die Arbeiten des Bildhauers Helmut Hirte

„Der Stein trägt alles in sich, was den Menschen ausmacht. …Er ist äußerlich erstarrte Lebensenergie.“ (Helmut Hirte)  

Was, zum Beispiel, Helmut Hirte stark macht, ist seine solide Verwurzelung im Metier. Angefangen mit der Ausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer, abgeschlossen mit der doppelten Meister- und Technikerprüfung. Ein daraufgesatteltes, komplettes Bauingenieurstudium dürfte den Sinn für Präzision und Machbares geschärft haben. Seit 1980 unterhält Hirte seine eigene Werkstatt, unmittelbar angrenzend dem Altstadtfriedhof in Aschaffenburg. Während der achtziger Jahre erwarb er sich wichtige Erfahrungen durch Restaurierung von Bildstöcken in der reich damit gesegneten Mainregion. Grabbildnerei war eigentlich nie sein Fach, nie seine Perspektive. Handelte es sich doch um einen Sektor, wo die Industrie zunehmend das Handwerk ausstach, die Serienproduktion gegenüber dem individuellen Beitrag das Oberwasser hatte. „Erst der Ort hat mich dazu gebracht (…)“, von dessen Balkon überblickt er ungehindert den Altstadtfriedhof.
Das Besondere von Hirtes (Grabsteinen sowie einer hier besonders hervorgehobenen) Werkserie ist die Oberfläche. Mit der Flex hat der Künstler ein regelmäßiges Gitter von Parallelfurchen in sie eingefräst. Dieses kann eine Form allseitig umlaufen oder sich mit im rechten Winkel zu ihm angebrachten Fräsungen treffen zum Kreuzgitter. Matt-helle Linien ins kristallin gefleckte Fleisch der Steine zeichnend, ohne Rücksicht auf mögliche Aderung, überziehen die Flex-Kerben es wie mit einem Exoskelett. Das kann aufschimmern als fernes Echo der antiken Säule mit ihrer feinen Kannellierung. Was urtümlich, naturwüchsig am Stein ist, wird so eingeschlossen, gebändigt, vom Menschen markiert mit einem zivilisatorischen „Stempel“. Aber ausgelöscht wird es dadurch nicht. Genaugenommen wird dem Stein weniger Gewalt angetan als durch systematisches Glatt- und Blankpolieren. Unter dem Gitter atmet er ästhetisch weiter, umso hartnäckiger, als die Fräsvertiefungen selbst der ausgesucht härtesten Steine an den Kanten immer wieder stückchenweise absplittern. Nie schließt der Käfig von Gestaltungseingriffen hundertprozentig dicht (…). Es ist offenkundig: Helmut Hirte liebt den Stein zu sehr, als daß er ihn einer Verwandlung unterjochen wollte, die einer rigiden Priorität des künstlerischen Programms entspringt. „Die über Jahrtausende im Stein bewahrte Erinnerung erfordert Respekt beim Umgang mit dem Material.“
Im Offenlassen der handwerklichen Eingriffe am Stein und im Hinlenken der Aufmerksamkeit auf sie zeigt Hirtes Haltung natürlich auch gewisse Verwandtschaft mit der Strategie eines Ulrich Rückriem, dessen Laufbahn ja ebenfalls sehr bodenständig mit einer Steinmetzlehre begann (…).
 Das Systematische und „Kleinportionierte“ seiner technischen Maßnahmen, das Transparente der resultierenden Ordnung mag gewisse Analogien haben zur Minimal Art und Concept Art um 1970. Während aber deren Hervorbringungen damals zusammengefaßt werden konnten unter dem Motto „When Attitude Becomes Form“, würde das mit Hirte’schen Skulpturen nie verfangen. Besser auf den Leib geschrieben ist diesem Bildhauer „When Work Reveals Attitude“.

Dr. Roland Held, Darmstadt 2010


Stein und Zeit
Überlegungen zu Helmut Hirtes Monumenten des Erinnerns

„Ich bemerkte, daß Erinnern eine Form von Vergessen ist.“ (Günter Eich)

Soweit es das personale Erinnern betrifft, haben sich gegen „das fortschreitende Verblassen aller Erinnerung“ (Rainer Stach) zwei hauptsächliche Institutionen etabliert: das Denkmal und der Friedhof. Für letzteren Ort hat Helmut Hirte gearbeitet. Während aber die Mäler dort einem konventionellen Regelwerk von begrenztem formalem und inhaltlichem Spielraum im Kontext der etablierten Erinnerungskultur unterstellt sind, kann der Bildhauer in seiner freien künstlerischen Arbeit eine Dimension weiter greifen. Seine ästhetische Position entwickelt sich im Spannungsfeld – er selbst nennt es „Zwiespalt“ – von Handwerk und Kunst. Denn im Gegensatz zu dem „personenbezogenen Grabmalschaffen“ (Hans-Kurt Boehlke) geht es den nicht auftragsgebundenen Monumenten um die Erinnerung an das Erinnern selbst: Nicht der Inhalt, sondern die Form der Erinnerung steht als dauerhafte künstlerische Aufgabe an.
Als Grabmalgestalter gleichsam Experte des negativen Vergessens, thematisiert der Bildhauer das Verhältnis von Erinnern und Erinnertem (…). Der Stein transportiert ein Zeitmaß, das nicht mit einer Lebensspanne kompatibel ist, einen Rhythmus aus Entstehen und Zerfallen, der menschliche Fristen nicht berücksichtigt; er verkörpert die Erinnerung an sehr viel Älteres als die Menschheitsgeschichte, das wie ein „Schatten aus der Zeit“ (H. P. Lovecraft) ins Heutige streift.  
Der Stein ahmt also die Erinnerung nach. Seiner Widerständigkeit – „Vom Stein könnt ihr lernen, was Härte ist“ (Hermann Hesse als Nietzsches Zarathustra) – entspricht die Beharrlichkeit der Erinnerung, seiner Formbarkeit durch Krafteinwirkung entspricht ihre Deformierbarkeit durch die Zeit. So sind Helmut Hirtes Arbeiten erfüllt von etwas, „das man den Nachhall der Erinnerung nennen kann“ (Ray Bradbury) – verschliffen wie die Abgüsse und -drücke jener abgenutzten, dem ornamentalen Rapport überantworteten Schleifringe (2003), verworfene Restposten intensiver handwerklicher Arbeit: Verbrauchtes, das im Kontext der Kunst zu etwas Neuem wird (…). Bekanntlich ist dies das Dilemma des Denkmals: Gedacht, gegen das Vergessen anzugehen, ermöglicht es dieses erst. Denn was Denkmalform angenommen hat, kann vergessen werden, was als Sehenswürdigkeit auf den Sockel herabgekommen ist, darf getrost übersehen werden. Helmut Hirtes Monumente wiegen uns daher nicht in der Sicherheit von Erreichtem, sondern provozieren zu immer neuer Erkenntnisarbeit (…).
Der von Helmut Hirte bearbeitete Stein scheint die vollständige physische Präsenz zu scheuen – wie die „Köpfe“ jenes Reliefs von 2004, die sich (der Vergleich mit Michelangelos frühem Relief „Kentaurenschlacht“ von 1491/92 bietet sich an) nur mit Mühe aus dem Marmor hervorquälen, nur zögernd sich zur Individualität bekennen und am liebsten in die Anonymität zurückzusinken würden (…). Gleichsam als sachliche Erörterung am Material mutet er uns schließlich zu, seine skulpturalen Verhandlungen der letzten Dinge nachzuvollziehen – und auch den Tod als „Zeichen von Vergänglichkeit und Kontinuität alles Irdischen“ zu akzeptieren. So formuliert der Bildhauer in jenem steinernen Gewebe aus Erinnerung und Vergessen „den Gedanken des Todes, der die Quelle ist aller Sympathie mit dem Leben“ (Thomas Mann).

Harald Kimpel, Kassel 2010

 
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